Eingang · Michael Moore Clinton - End
 
 

Vortrag über Bill Clinton anlässlich der Verleihung des Karlspreises an den Präsidenten der USA am 2.Juni 2000

von Martin Winter, Brüssel - gehalten am 29.5.2000 in der Sparkasse in Aachen
 

Meine Damen und Herren!

Unweigerlich gerät jeder Beobachter der amerikanischen Politik, der gebeten wird, über den gegenwärtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu reden, in die Clinton-Falle. Sein erster Gedanke ist: Nichts leichter als das. Schließlich ist kein Politiker im zurückliegenden Jahrzehnt dermaßen von allen Seiten beleuchtet und jeder seiner Schritte analysiert worden, wie Clinton. Doch diesem ersten Gedanken folgen unmittelbar Zweifel auf dem Fuße und das unangenehme Gefühl: Mein Gott, warum hast du dich darauf eingelassen!? Denn in der Reihe der amerikanischen Präsidenten dieses Jahrhunderts ist Bill Clinton nicht nur einer der erfolgreichsten, sondern er ist auch der vielschichtigste und widersprüchlichste.

Ich habe Ihnen diese gegenläufige Reaktion nicht beschrieben, um über die Mühen zu klagen, die dieser Mann immer noch seinen Beobachtern bereitet. Sondern weil dieses Reaktionsmuster typisch ist für das Phänomen Clinton. Denn Clinton selber ist vieles, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst.

  • Er bestätigt alle Vorurteile gegen Politiker und widerlegt sie zugleich.
  • Er ist ein kalt kalkulierender Machtpolitiker und zugleich ein tief emotionaler Mensch.
  • Er beherrscht wie keiner die Kunst der Umfrage und der Massenbeeinflussung und doch ist er zutiefst ein Mann des Volkes, der mit ihm fühlt und mit ihm leidet.
  • Er lässt politische Ziele einfach fallen, wenn sie ihm nicht mehr nützlich erscheinen und denkt zugleich öffentlich über politische Visionen nach.
  • Er lässt politische Ziele einfach fallen, wenn sie ihm nicht mehr nützlich erscheinen und denkt zugleich öffentlich über politische Visionen nach.
  • Er ist ein eingefleischter Innenpolitiker und hat doch außerordentliche außenpolitische Erfolge vorzuweisen.
  • Er misstraut der Gewalt als Mittel der Politik und hat doch mehrfach US-Soldaten in den Kampf geschickt.

 

Sich William Jefferson Clinton, der als William Jefferson Blythe III am 16.August 1946 in dem Städtchen Hope in Arkansas geboren wurde, sich diesem Clinton politisch und biographisch zu nähern, ist ein kompliziertes Geschäft. Erwarten Sie also kein abschließendes Bild. Wer Clinton zu begreifen versucht, dem geht es wie dem Philosophen, dem aus jeder Antwort zwei neue Fragen erwachsen.

William Safire, einer der Kolumnisten der New York Times, der die wohl spitzeste konservative Feder in den USA führt, pflegt seinen Lieblingsgegner Clinton gelegentlich als "slick Willy" zu beschimpfen, was man - um zu keinen schlimmeren Worten greifen zu müssen - als "aalglatt" übersetzen könnte. Mit der Autorität des vielgelesenen Kommentators versucht Safire, Clinton auf die einfache Formel zu reduzieren, er sei prinzipienlos und einer, der für die Macht alles tut. Dieser Vorwurf folgt dem alten Muster von der Politik, die den Charakter verdirbt und die Menschen wie eben diesen Clinton hervorbringt. Eine auch in Amerika populäre Denkart. Das Merkwürdige dabei ist nur, dass die politischen Gegner Clintons sich in den nun bald acht Jahren seiner Präsidentschaft von dieser simplizistischen Sicht auf ihn nicht lösen konnten.

Dafür gibt es nur eine Erklärung: In dem Festhalten am Schimpfwort "aalglatt" offenbart sich die Ohnmacht der politischen Gegner des Präsidenten. Aaalglatt hat für sie nämlich auch eine ganz andere, eine bittere Beutung: Dieser Mann Clinton ist ihnen immer wieder entschlüpft. Wie oft glaubten sie nicht schon, ihn in die Enge und zum Aufgeben getrieben zu haben - und dann war er einfach weg und die Opposition rieb sich die Augen und wunderte sich, dass Clinton aus jedem Kampf gestärkt hervorging. Womit wir schon bei einem wichtigen Element seines politischen Lebens angekommen sind: Aus jedem Kampf gestärkt hervorgehen!


 

Ich will Ihnen dafür zwei Beispiele geben:

Ende 1995 sah es so aus, als ob Clinton politisch am Ende sei. Die ambitionierte Gesundheitsreform war gescheitert. Im Jahr zuvor, 1994, hatten die oppositionellen Republikaner in einem Erdrutschsieg die traditionelle demokratische Mehrheit im Kongreß hinweggefegt und viele in Washington glaubten an die Unaufhaltsamkeit der "konservativen Revolution". Diese Stimmungslage wurde für Clinton dadurch kompliziert, dass der Wirtschaftsaufschwung noch nicht als frohe Botschaft in den Köpfen der Menschen angekommen war. In dieser Lage also sahen die Republikaner ihre Stunde gekommen. Sie wollten den Präsidenten in den haushalts- und finanzpolitischen Schwitzkasten nehmen. Unter Ausnutzung ihrer Mehrheit im Kongress verlangten sie von Clinton einen Etat, der nur der konservativen Klientel genutzt hätte. Das Druck- und Drohmittel der Republikaner war die - wortwörtliche - Schließung der Regierung. Hier muss eine Erläuterung zum amerikanischen Haushaltsrecht eingefügt werden: Können sich Präsident, Abgeordnetenhaus und Senat nicht auf ein Budget einigen, dann ist die Regierung zahlungsunfähig, es sei denn, Abgeordnetenhaus und Senat genehmigen dem Präsidenten einen Übergangshaushalt. Genau den wollten die Republikaner verweigern.

Dies war die wohl ernsteste Situation in Clintons Präsidentschaft überhaupt. Das Kalkül von Newt Gingrich, dem Anführer der Konservativen, war einfach: Clinton wird das Risiko scheuen, vom Volk dafür verantwortlich gemacht zu werden, dass keine Renten ausbezahlt werden, Naturparks- und Museen geschlossen bleiben und hunderttausende von frustrierten Bundesbediensteten über Weihnachten kein Geld bekommen. Damals war jedermann in Washington überzeugt, dass der Präsident diesen Kampf nicht gewinnen könne. Es wurde schon offen über seinen Rücktritt spekuliert. Selbst seine allerengsten Berater rieten dazu, lieber einen faulen Kompromiss einzugehen, als als der Präsident dazustehen, unter dem die Regierung geschlossen werden musste.

Nun, Clinton nahm den Kampf auf. Die öffentliche Verwaltung wurde für insgesamt über vier Wochen geschlossen. Und am Ende mussten die Republikaner erschöpft aufgeben. Alle Umfragen zeigten, dass das Volk sie und nicht den Präsidenten verantwortlich machte. Die Umfragen zeigten aber noch etwas anderes: Clintons Popularität war aus dem Keller in die Beletage der 50 bis 60Prozentzone aufgestiegen, wo sie seitdem übrigens, unterbrochen meist nur von Ausschlägen nach oben, verharrt.

In diesem Kampf um den Haushalt verwandelte sich Clinton vor unseren Augen von einem hochbegabten zu einem genialen Politiker. Er zeigte die Qualitäten, die seine Gegner wie seine Anhänger bei ihm immer wieder unterschätzen: Er kann kämpfen - und manchmal scheint es sogar, dass dies das einzige ist, woran er richtig Spaß findet. Er ist entschieden, wenn er sieht, dass keine vertretbaren Kompromisse mehr möglich sind. Und er weiß, was die Menschen denken und fühlen. Die Republikaner hatten im Haushaltskampf zwei kardinale Fehler gemacht: Erstens hatten sie Clinton für schwach und schwankend gehalten. Zweitens hatten sie seine Fähigkeit untzerschätzt, mit dem Volk zu kommunizieren. Während im Kongreß an schönen Plänen für einen konservativen Etat gepinselt wurde, erklärte Clinton auf einer Tour durchs Land den Menschen, worum es ihm ging: Nämlich die Schulden des Landes abzubauen, damit die Kinder sie nicht eines Tages bezahlen müssen und in die Bildung zu investieren. Mit einem Wort: Clinton mobilisierte das Land gegen Washington. Das Land gegen Washington - das ist eine Figur, die auch in der weiteren Clinton-Präsidentschaft eine wichtige Rolle spielen sollte.

Es gehört zu den erstaunlichen Erfahrungen der Clinton-Ära, dass die Republikaner ihrer Niederlage zum Trotz noch ein zweites Mal versucht haben, Clinton aus der Macht zu verdrängen.

Ich will Sie hier nicht allzu ausführlich mit der Monica Lewinsky-Affäre belästigen, aber das Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton, das auf dem Vorwurf basierte, er habe eine Falschaussage bei einer Vernehmung über eine Frauenaffäre gemacht, ist das monströseste Beispiel einer Fehlkalkulation, aber auch dafür, dass der Hass auf Clinton seiner Gegner blind machen kann. Als der Sonderermittler Kenneth Starr, der seit sechs Jahren wegen aller möglichen angeblichen Affären hinter Clinton her war - nichts davon stellte sich übrigens als begründet heraus - die Ermittlung in den angeblichen Sexualaffären des Präsidenten an sich zog, da glaubten die Republikaner und mit ihnen ein großes Netz von Anti-Clinton Organisationen, nun sei ihr Tag gekommen. Wenn er schon nicht über seine Haushaltspolitik zu stürzen ist, dann wenigstens über seinen anrüchigen Lebenswandel. Und wieder ging die Sache schief. Der Absetzungsprozeß vor dem Senat scheiterte.

Ja, am Ende blieb ein Opfer auf der absurdesten Walstatt zurück, die sich die amerikanischen Politik bis dato ausgesucht hatte: Newt Gingrich, der Gegen-Clinton, stürzte, weil er seine Partei in aussichtslose Kämpfe geführt hatte.

Auch im Falle der Lewinsky-Affäre bestand lange die weit verbreitete Auffassung, dass Clinton dies nicht überleben könne. Sein Sexualleben in aller Öffentlichkeit ausgebreitet, detaillierte physische Beschreibungen durch Damen, die von der Boulevard-Presse fürstliche Honorare einstrichen, das hieß für den normalen Beobachter, dass diesem Präsidenten das Kreuz gebrochen war, selbst wenn er die Anklage formal überleben sollte. Auch das stellte sich als falsch heraus. Clinton wurde wieder einmal nicht schwächer sondern stärker. Es scheint fast so, als ob dieser Mann nur wächst, wenn er viele und agressive Gegner hat.


 

An dieser Stelle ist ein Wort über Clintons Gegner fällig. Es hat wohl noch nie einen Präsidenten in der Geschichte der USA gegeben, der sich so viel organisiertem Hass und tiefer Feindschaft gegenüber sah. Es ist ein ganzes Netz von Anti-Clinton-Vereinen. Kampfgruppen aus dem Rechtsanwaltsmilie überziehen ihn mit rechtlich frivolen Anzeigen, um ihn mürbe zu machen, weil die Reaktion auf solche Anzeigen viel Zeit und Geld kostet und jeder Politiker fürchten muss, dass nach dem Motto "Wo Rauch ist, da ist auch Feuer" irgendetwas hängenbleibt. Christliche Fundamentalisten verfolgen ihn mit einer Inbrunst, als jagten sie den Antichristen. Dies könnte man noch als das unvermeidbare Maß an Verrücktheit abtun, das zu so einem großen Land wie Amerika gehört.

Doch dass Clinton bis tief in intelligente konservative Kreise hinein wütende Reaktionen provoziert, deutet auf tiefere Zusammenhänge hin, die sich allein aus der jüngeren Geschichte der USA erklären lassen. Clinton ist für das traditionelle Amerika deswegen eine so grosse Provokation, weil er jenes Amerika verkörpert, dass in den 60er Jahren aufgebrochen war, das Land kulturell und gesellschaftlich zu modernisieren und das gegen den Vietnamkrieg war. Nein, Clinton ist nie ein Radikaler gewesen, aber er ist politisch in den 60ern geprägt worden und er ist der erste US-Präsident, der nach dem zweiten Weltkrieg geboren wurde. Clinton steht für individuelle Freiheit, ein gelegentlich lockeres Leben, das Recht auf Abtreibung und alle diese Errungenschaften der unruhigen 60er Jahre, die die konservativen und religiösen Kräfte des Landes gern erledigt gesehen hätten. Unter Ronald Reagan und George Bush hatten sie geglaubt, der Geist des neuen Amerika sei in die Flasche zurückgestopft worden. Und dann wird dieser Bill Clinton gewählt, der gegen Vietnam war, Saxophon spielt, mal Marihuana geraucht hat und zu allem Überfluss auch noch ein begnadeter Politiker zu sein scheint.

Zurück zur Lewinsky-Affäre. Auch in ihr zeigte sich der eklatante Bruch zwischen dem, was in Washington für wichtig gehalten wird und was im Land. Clinton hat auf das Land gesetzt und gewonnen. Ich erinnere mich gut an ein paar Gelegenheiten, die mich während der Lewinsky-Zeit in den mittleren Westen führten und bei denen ich bei Thekengesprächen des Thema Clinton ansteuerte. Die Reaktion war immer die gleiche: Laß uns doch in Ruhe mit eurem Quatsch in Washington. Ihr wollt ja nur unseren Clinton kaputtmachen. Und überhaupt, ihr Journalisten seit die schlimmsten.

An diesem Punkt will ich etwas einfügen, was belegt, wie richtig Clinton die ganze Zeit mit der Einschätzung der Stimmung im Volke lag: Während seine Popularität von der Affäre, die ja täglich über alle Sender lief, kaum beeinträchtigt wurde, sank das Ansehen der amerikanischen Presse und der elektronischen Medien von 35 Prozent zu Beginn der Affäre auf 15 Prozent an ihrem Ende. Dies ist ein dramatisches Ergebnis. Die amerikanische Presse wird noch auf Jahre hinaus einen schweren Preis dafür bezahlen müssen, dass sie sich über alles Maß, alle Vernunft und sehr oft ohne konkrete Beweise in der Hand zu haben, an der Jagd auf Clinton beteiligte.

Es gibt ein weiteres Opfer der Affäre zu vermelden: Die Christian Coalition. Das ist, nein das war, ein sehr effektiver rechtskonservativer Kampfverband, der unter dem Banner des aufrechten Christentum daherkam und eine sehr effiziente politische Organisation über das Land gelegt hatte. Als am Ende der Lewinsky-Affäre klar war, dass das Volk auch nicht im Traum daran dachte, den selbsternannten Moralisten zu folgen, brach die Führung der Christian Coalition politisch auseinander.

Die Ironie der ganzen Geschichte ist, dass Clinton damit ungewollt am Ende den gemäßigten Konservativen einen großen Gefallen getan hat: Sie sind Newt Gingrich und seine Kampftruppe los und ihnen sitzt die Christian Koalition nicht mehr im Nacken.

Das politisch und gesellschaftlich bedeutenste Ergebnis der Lewinsky-Affäre ist aber wohl, dass sich an ihrem Ende gezeigt hat, dass das amerikanische Volk in seiner überwiegenden Mehrheit, vernünftig, tolerant und nicht durch moralistische Eiferer verführbar ist. Der Anspruch aus der rechten und konservativen Ecke, die Hoheit über die Werte des amerikanischen Volkes zu besitzen, hat sich als Schimäre erwiesen.


 

Wer eine Ahnung von der Ausnahmerescheinung Clinton bekommen will, der muss zum 24.September 1998 zurückgehen. Der ist deswegen bemerkenswert, weil Clinton an diesem Tag fast idealtypisch demonstrierte, wie er aus Gefahren Kraft und Stärke zugleich schöpft. An jenem 24.September lief frühmorgens jenes berüchtigte Video von der Vernehmung Clintons durch die Sonderermittler über alle Fernsehkanäle, das weltweit das Gefühl verbreitete, dass die amerikanischen Strafverfolger nun endgültig verrückt geworden sind. Zwei Stunden nach Sendeschluss trat der amerikanische Präsident vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen und hielt eine Rede über Krieg und Frieden. Wiederum drei Stunden später debattierte er in der New York University mit Tony Blair und Romano Prodi - damals noch italienischer Ministerpräsident - über den "Dritten Weg". Eine Veranstaltung übrigens, die am 2.Juni in Berlin ihre vierte Fortsetzung finden wird. Bei beiden Auftritten präsentierte sich ein entspannter, nachdenklicher und streckenweise witziger Clinton. Einer, der über die Zukunft nachdenkt. Der eine weltweite Diskussion anstößt darüber, wie die Globalisierung und die soziale Sicherheit miteinander zu versöhnen sind. Die Botschaft war klar: Lass die anderen im Dreck von gestern wühlen, der Präsident richtet seinen Blick in die Zukunft. Wieder einmal behielt Clinton recht: Am 25.September war seine Popularität von 62 auf 64 Prozent gestiegen.

Und wenn sie ihm schon innenpolitisch oder moralisch nicht beikommen können, greifen Clintons Gegner ihn zumindest außenpolitisch an. Es sei, sagen sie, eine Katatstrophe, dass die allein übriggebliebene Weltmacht von einem Mann regiert werde, der von Außenpolitik keine Ahnung habe. Nun, Clinton hat erstens Ahnung von Außenpolitik, weil er sich damit auch als Student beschäftigt hat. Zum anderen hat er eine durchaus erstaunliche außenpolitische Bilanz vorzuweisen.

  • Er hat die USA nach dem Ende des Kalten Krieges auf einen vernünftigen außenpolitischen Kurs gelegt: Man will nicht Weltpolizist sein, aber seinen Teil der globalen Verantwortung tragen. Was praktisch heißt, dass Washington in Konflikte in der Regel nur gemeinsam mit anderen eingreifen will, wie zum Beispiel auf dem Balkan. Und dass es nur da allein handelt, wo seine direkten Interessen betroffen sind, also in seiner eigenen Hemisphäre.
  • Er hat mit der kürzlichen Verabschiedung des Handelsabkommens mit Peking ein ganz wesentlichen Schritt zur Aufnahme dieser großen Macht in die Welthandelsorganisation getan. Und er hat damit eine neue Etappe in der von Richard Nixon 1972 begonnenen Entspannungspolitik gegenüber China eingeleitet. Zu Clintons historischen handelspolitischen Leistungen gehört es auch, dass er eine Mehrheit des US-Kongresses davon überzeugte, dem Freihandelsabkommen NAFTA mit Mexiko und Kanada zuzustimmen.
  • Er hat sich in einer Weise für den Frieden in Nordirland und im Nahen Osten engagiert, die von manchen seiner Freunde als halsbrecherisch angesehen wurde. Er ist dabei hohe politische Risiken eingegangen, aber er hat damit Erfolg gehabt. Das Friedensabkommen über Bosnien - so wackelig es auch sein mag - wäre ohne die Entschlossenheit Clintons nicht zustande gekommen.

Es sind aber nicht nur Clintons Gegner sondern auch seine Anhänger, die gelegentlich irritiert auf ihn reagieren. Das hat einen einfachen Grund: Clinton entzieht sich einfachen Kategorien. Wenn er glaubt, dass er den Haushalt nicht ohne soziale Einschnitte sanieren kann, dann tut er es. Das bringt ihm Kritik aus dem eigenen Lager ein. Wenn dann aber Überschüsse erwirtschaftet werden, dann schmeißt er sie nicht für Steuergeschenke zum Fenster hinaus, sondern er stellt sie für Investitionen in die Zukunft zurück. Was ihm wiederum Zuneigung einbringt. Vieles von dem, was in Europa als New Labor oder als Neue Mitte gilt, hat Clinton schon in den 80er Jahren vorgedacht. Dieser Machtpolitiker und Kämpfer ist eben auch ein Denker und zwar ein durchaus eminenter. Auf dem Parteitag der Demokraten 1980 fasste Clinton, damals gerade zum ersten mal zum Gouverneur von Arkansas gewählt, seine Überzeugung in folgenden Worten zusammen: "Wir (die Demokratische Partei) haben vollkommen unkritisch geglaubt, dass der New Deal (also die Bewältigung der Depression der 30er Jahre durch die Einführung sozialer Sicherungssysteme und einer aktiven Wirtschafts- und Finanzpolitik) das ökonomisches Sytem wiederhergestellt hat und es nie wieder zusammenbrechen würde. Und dass uns als einzige Aufgabe bliebe, die Wohltaten dieses Systems allen zukommen zu lassen, die es sich nicht leisten können: Minderheiten, Frauen, die Alten, die Behinderten und die Kinder in Not. Aber die Wahrheit ist, dass das ökonomische System dabei ist, zusammenzubrechen. Wir haben hohe Inflation, hohe Arbeitslosigkeit, hohe Staatsschulden und wir haben unsere Wettbewerbsfähigkeit verloren. Und weil das so ist, ziehen sich mehr und mehr Menschen einfach aus unserem System zurück oder konzentrieren sich auf ihre Spezialinteressen. Dies gefährdet unser politisches System".

Hier schlug Clinton die beiden Töne an, die seine Politik bis auf den heutigen Tag bestimmen: Erstens funktionieren die alten, sozialstaatlichen Antworten auf die ökonomischen Entwicklungen nicht mehr. Und zweitens müssen wir dafür sorgen, dass uns die Gesellschaften nicht auseinanderbrechen. Bill Clinton hatte in den USA schon längst mit der Suche nach der Neuen Mitte begonnen, als die Schröders und Blairs Europas sich noch an ihrer linken Jugend abarbeiteten. Schon Anfang der 70er Jahre wurde bei Clinton der Grundstock für seine spätere Politik gelegt, die auf die Mehrheit des Volkes zielt. Als Jura-Student in Yale engagierte er sich im Team von Joe Duffey, einem prominenten Linken, Bürgerrechtler und Professor, der sich um die Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten bemühte. Nun, der Versuch schlug fehl, aber Duffey schrieb sich und seinen überwiegend idealistischen jungen Leuten danach eine wichtige Erkenntnis ins Stammbuch, die ich hier nach David Maraniss, dem Clinton-Biograph, zitiere: "Wir sind immer in Versuchung, die Leute für unsere Niederlage verantwortlich zu machen, weil sie angeblich nicht verstehen wollen, was wir ihnen sagen oder weil sie schlicht nicht von uns geführt werden wollen. Aber die Wirklichkeit ist, dass die Suche nach einer neuen Politik in Amerika noch ganz am Anfang steht. Viele unserer Programme sind so formuliert, als ob die Nation nur aus zwei großen Gruppen bestünde - den Reichen und den Sozialhilfeempfängern. Aber irgendwo zwischen Reichtum und Armut lebt die Mehrheit der amerikanischen Familien am Rande von sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit. Unsere neue Politik hat sich bislang nicht um die Interessen und Bedürfnisse dieser Amerikaner gekümmert. Wir haben vergessen, dass auch sie sich als Opfer von Entscheidungen fühlen, auf die sie keinen Einfluss haben".

Diese fundamentale Kritik an der Demokratischen Partei der 70er Jahre, die sich in ideologische Fraktionen aufgespalten hatte, mündete später in die Gründung des Democratic Leadership Councils (DLC), dessen Vorsitzender der Gouverneur Clinton war und ohne das die Demokraten wohl kaum in der Lage gewesen wären, 1992 das Weisse Haus zu erobern.


 

Clinton der Machtpolitiker, der Populist, der Kämpfer, und Clinton der Denker.

Wenn einer so vieles so brilliant in sich vereinigt, dann liegt unausweichlich die Frage auf dem Tisch: Wo hat der das her? Letztlich wird man sie kaum beantworten können. Er selber hat einmal auf die Frage, warum er ausgerechnet in die Politik gegangen sei, gesagt: "It's the only track I ever wanted to run on". Er hat sich also, frei übersetzt, nie etwas anderes vorstellen können. Er wollte immer nur auf die Rennbahn der Politik. So wenig es Zweck hat, einen Fünfjährigen zu fragen, warum er Lokomotivführer werden will, so wenig sinnvoll ist es, den Grund für Clintons Passion mit der Politik zu suchen. Aus allem, was wir wissen, hat er zu ihr ein Suchtverhältnis, dass sich einer vernünftigen Erklärung entzieht.

Viel interessanter ist die Frage, was hat diesen Menschen Clinton so geprägt, dass er am Ende der Präsident wurde, den wir kennen? Was musste zusammenkommen, das aus dem schlichten Berufswunsch Politik so eine außerordentliche Karriere wurde? Auch wenn sich Ausnahmemenschen wie Clinton irgendwo immer dem letzten Verständnis entziehen, so können wir uns doch der eben gestellten Frage ein wenig annähern.

Es gibt zwei Elemente in seinem Leben, die die Konstanten bilden, zwischen denen er sich persönlich und politisch bewegt und in deren Kombination der Schlüssel dafür liegt, warum er nicht nur politisch erfolgreich ist, sondern auch alle Stürme überlebt hat.

Diese Konstanten sind Arkansas und Washington. Zwischen ihnen hat er sich immer bewegt, geographisch zwar auch, viel wichtiger aber politisch. Arkansas und Washington, das sind die Endpunkte des Spannungsbogens, unter dem Amerika immer gelebt hat, immer leben wird und der selten eine so ideale Verkörperung gefunden hat, wie Bill Clinton. Arkansas und Washington sind die Synomyme für den Stadt/Landgegensatz.

Von Washington aus betrachtet liegt Arkansas eintausendzweihundert Meilen hinter den Bergen und hinter den Wäldern. Tatsächlich und bildlich. Aus Arkansas zu stammen ist eine Hypothek, wenn man an der Ostküste Karriere machen will. Arkansas, das ist Hinterwäldlertum. In die andere Richtung gesehen, von Akansas nach Osten also, erscheint Washington als der Ort der Macht, der Arroganz aber auch der Ferne. Über "die da in Washington" lästert das Hinterland und ärgert sich. Was sonst? Die gegenseitigen Vorurteile zwischen Metropole und Land liegen in den USA nicht anders, als in anderen Ländern. So hat eben jeder seine Friesen und seine Berliner.

Bill Clinton hat die Reise von Arkansas nach Washington politisch betrachtet dreimal in seinem Leben gemacht. Ich möchte diese Reisen ein wenig nachzeichnen, weil ich glaube, dass man auf ihnen am meisten über den Menschen und den Politiker Clinton lernt.

Die erste der Reisen will ich mit ihrer Ankunft in Washington beginnen. Wir schreiben den 24.Juli 1963. Die Tore des Weißen Hauses öffenen sich für zwei Busse, die mit halbwüchsigen und aufgeregten Jungen vollgestopft sind. Sie sollen vom Präsidenten empfangen werden, weil sie in diesem Jahr die "Boys Nation" vertreten. Diese Einrichtung muss ich kurz erklären: In jedem US-Staat finden regelrechte Wahlkämpfe und Ausscheidungswettbewerbe unter den Schüler der High Schools statt. Dabei geht es um jeweils zwei zu besetzende Posten als Jugend-Senatoren. Wer es schafft, wird mit seinen Kollegen nach Washington eingeladen, um eine Woche lang Senator zu spielen, mit echten Senatoren und Abgeordneten zu debattieren, ein wenig über das politische Geschäfte, über die Korridore und die Hintereingänge der Macht zu lernen und wichtige Leute zu treffen. Eben auch den Präsidenten. Der heißt in diesem Jahr John F.Kennedy und ist noch keine Legende, sondern ein Präsident mit großen innen- und außenpolitischen Sorgen. Außerdem der Sorge, dass ihm die begeisterten Jungs zu nahe kommen könnten. Zum Entsetzen der Sicherheitsbeamten hatten nämlich ein paar Wochen zuvor europäische Studenten den Präsidenten nicht nur umringt und bedrängt, sondern die Situation auch genutzt, ihm die Krawattennadel und die Manschettenknöpfe zu stibitzen. Das sollte nicht wieder passieren. Kein Bad in der Menge. Die Jungs wurden angewiesen, sich an die Absperrung zu halten. Und doch, als JFK seine Ansprache im Rose Garden hinter sich hat und sich abwenden will - der Empfang hat ihn immerhin bei wichtigen Beratungen unterbrochen - zögert er kurz und geht doch noch auf die Jungen zu, um ein paar Worte zu wechseln. Und einem hochgewachsenen 16jährigen aus Arkansas drückt er die Hand: Bill Clinton.

Das Bild von diesem Händedruck ist schon längst zu einem Dokument der amerikanischen Geschichte geworden. Und natürlich ranken sich Mythen um diesen Händedruck. John F.

Kennedy, der zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr ein halbes Jahr zu leben hat, drückt dem Jungen die Hand, der über eine Generation später sein Nachfolger werden wird. Das eigentlich interessante an diesem Bild aber ist sein Zustandekommen. Nach allen Berichten der Dabeigewesenen war der junge Bill Clinton schon Tage vor der Audienz entschlossen, dem Präsidenten die Hand zu drücken und ein Bild davon nach Hause zu schicken. Während die anderen vor Ehrfurcht erstarrt herumstanden, hatte Bill Clinton sich nach einem Blick über den Rose Garden strategisch so positioniert, dass der Präsident, sollte er doch noch zu den Jungen kommen, gar nicht an ihm vorbei könnte.


 

Was, mag man fragen, bedeutet schon so ein Bild, außer dass es eine hübsche Erinnerung ist? Vieles, würde ich sagen, denn Bill Clinton erreichte zweierlei: Erstens dass seine Mutter Virginia, die er bis zu ihrem Tod in hohem Alter abgöttisch verehrte, stolz auf ihn sein konnte. Und zweitens dass die Leute in Arkansas sahen, wie weit es dieser Bill Clinton gebracht hat. Ab nun war er "unser" Bill Clinton. Das zählt viel in so einem kleinen Land, in dem jeder jeden kennt. Und diese kleine Geschichte um das Bild mit Kennedy zeigt also, dass Clinton schon damals ein Gespür dafür hatte, dass das richtige Klappern an der richtigen Stelle zum Geschäft gehört, wenn man als Politiker erfolgreich sein will.

Dabei war ja schon die Tatsache, dass er für die "Boys Nation" ausgewählt worden war, ein schlagender Beweis für seine schon damals überragenden Fähigkeiten als Wahlkämpfer und Stratege. Er hatte sich immerhin gegen Gleichaltrige aus führenden Familien des Landes durch gesetzt und auch gegen bessere Schüler. Er scheint eine Naturbegabung für Wahlkämpfe zu haben. Niemand hat ihm beigebracht, wie man Mehrheiten erkämpft. Aber instinktiv tat er das richtige. Er versuchte, jeden der Wähler kennenzulernen, ihm die Hand zu schütteln, mit ihm zu reden und nicht mit großen aber abstrakten Vorträgen zu brillieren. Diese Fähigkeiten hat er später zur Perfektion entwickelt. Aber man muss auch dazu sagen, dass er ein begeisterter Wahlkämpfer ist. Kürzlich brachte die International Herald Tribune eine für ihn typische Geschichte: Da er sich, von der Verfassung an einer erneuten Kandidatur gehindert, im Weißen Haus ein wenig zu langweilen scheint, hat er ein paar junge demokratische Kongreßkandidaten unter seine Fittiche genommen, und berät sie bis in Details ihrer Wahlkämpfe hinein.

Aber zurück zu dem jungen Clinton. Seine Klassengenossen beschreiben ihn als einen freundlichen, offenen Menschen, der mit jedem Kontakt suchte, der keine Barrieren kannte, auch keine Rassenbarrieren, was zu der Zeit einiges bedeutete. Clinton sei einer gewesen, der gute Leistungen bringen aber sie auch vorzeigen wollte. Mit einem Wort: Clinton bewies sich und der Welt, dass er gut, nett und erfolgreich ist. Sein Naturel als jemand, der sich den Menschen zuwendet, weil er sie mag und weil er sie versteht, hat Clinton nie verloren. Wer ihn einmal im

Dialog mit Menschen erlebt hat, der weiß, wo diese Faszination herkommt. Selbst wenn zehntausende auf dem Platz stehen, glaubt jeder, dass der Präsident persönlich zu ihm spricht. Und er redet wie einer von uns und nicht wie einer von denen da oben. Mir fehlt ein eingängiger Begriff für das, was zwischen Clinton und seinen Zuhörern passiert. Es ist, als ob es keinerlei Schranken zwischen ihnen gäbe.

Für Clintons unstillbare Sucht, mit Menschen zu reden und zwar im Sinne des Wortes MIT und nicht auf sie ein, und Menschen zu berühren, am Arm zu packen und manchmal in denselben zu schließen, muss ich auf eine Erklärung zurückgreifen, die ich aus einem tiefsitzenden Mißtrauen gegen die Psychologisiererei nur zögerlich übernehme. Aber ich habe auch keine bessere anzubieten. Amerikanische Untersuchungen über Kinder in Alkoholikerfamilien sind zu dem Schluss gekommen, dass oft eines der Kinder, in der Regel das Ältere, eine Positivrolle für die Familie übernimmt. Und zwar in zweifacher Weise: Einmal als derjenige, der die Familie im Inneren zusammenhält und zum anderen als derjenige, der in der Außenwelt Erfolg sucht, damit ein gutes Licht auf seine Familie fällt und die Familie in ihrem Selbstbewußtsein gestärkt wird. Soweit die Familien- und Kinderpsychologie. In der Tat hat Bill Clinton schon sehr früh die Rolle des Mannes in der Familie annehmen müssen. Bis zu seinem vierten Lebensjahr lebte er im wesentlichen in der Obhut seiner Großmutter, einer starken und bestimmenden Frau. Seine Mutter Virginia, die noch vor seiner Geburt Witwe geworden war, weil ihr Mann, ein etwas undurchsichtiger Autohändler bei einem Unfall ums Leben gekommen war, machte derweil eine Ausbildung zur Narkoseschwester. Womit sie übrigens über die nächsten zwei Jahrzehnte die Familie ganz gut über Wasser hielt. 1950 heiratete sie dann Roger Clinton, auch einen Autohändler. Vielleicht haben wir ja diesem Roger Clinton zu verdanken, dass Bill Clinton die Stärke entwickelte, die ihn später auszeichnen sollte. Denn Roger Clinton war ein Versager, ein Alkoholiker und, wenn betrunken, gewalttätig gegen seine Frau. So fiel William Jefferson Blythe III, der erst als 17jähriger der Namen Clinton annahm, die Aufgabe des "Familienhelden" zu. Er schützte seine Mutter und seinen von ihm sehr geliebten Stiefbruder Roger vor dem gewalttätigen Vater.


 

An diesem Punkt will ich das Feld des Psychologisierens verlassen und mich wieder der erstaunlichen Energie, Entschlossenheit, Zielgerichtetheit und dem Pragmatismus zuwenden, mit dem Clinton sich seinen weiteren Weg in die Politik bahnte. Wie ernst es ihm damit war, die Voraussagen seiner Klassenkameraden, dass er einmal Senator werden würde, wahr zu machen, zeigte sich 1964, in seinem Schulabschlussjahr. Er tat etwas sehr Ungewöhnliches: Anstatt sich, wie das üblich ist, auf mehreren Colleges zu bewerben, um seine Chancen zu erhöhen, schickte er seine Unterlagen nur an die School Of Foreign Service der renommierten Georgetown University in der Hauptstadt Washington. Clinton konnte sich gar nichts anderes vorstellen, als auf dieses Institut für Außenpolitik zu gehen. Die Erklärung dafür ist simpel: Die School Of Foreign Service war und ist die Kaderschmiede der politischen Elite der USA. Hier werden Karrieren im diplomatischen Dienst, im Senat oder in der Regierung begründet. Wer hier studiert, dem stehen Jobs auf Capitol Hill und im Weißen Haus offen. Der kann als Student schon seine Netze knüpfen und die richtigen Leute kennenlernen. Was in einem politischen System wie dem amerikanischen die Eintrittskarte zum Klub der Mächtigen bedeutet. Denn Politik in Amerika basiert sehr stark auf persönlichen Beziehungen. Clinton wurde ein eifriger Netzeknüpfer: Schon Mitte der 70er Jahre soll seine Personenkartei über 10 000 Namen umfasst haben.

Ende 1964 macht sich also Clinton zu seiner zweiten Reise nach Washington auf. Doch auch wenn er von nun an für lange Jahre nur Besucher in der Heimat ist, vernachlässigt er die provinzielle Basis nicht. Systematisch reist er in den Ferien durch Arkansas, hilft bei Wahlkämpfen, lernt gezielt die Leute an den Schaltstellen kennen, den politischen wie wirtschaftlichen und vor allem schafft er es, jeden Richter in Arkansas kennenzulernen. Richter sind in den ländlichen Staaten der USA wichtige Männer. Sie interpretieren nicht nur das Recht so, wie sie meinen, dass es für ihr Land am besten ist, sondern sie haben ihre Finger meist tief in der lokalen Politik. Gegen die Richterschaft Erfolg zu haben, kann da schwierig sein.

Aber zurück zu seinen Studienjahren. Es soll hier nur noch am Rande erwähnt werden, dass Clinton schon bald wieder für ein Studentenamt kandidierte und gegen alle Wetten gewann. Ein Hinterwäldler aus Arkansas zum Sprecher der Studentenelite gewählt, das galt als eigentlich unmöglich.

Aber natürlich hat Clinton auch studiert. Und er war, Wahlkämpfe hin und Karriere her ein guter, ein wissbegieriger Student. Wie beeindruckend er war, offenbart eine Geschichte, die David Maraniss in seiner Clinton-Biographie "First in His Class" wiedergibt und die ich Ihnen nicht vorenthalten will: Am Ende seines ersten Studienjahres wurde Clinton von seinem jungen Philosophieprofessor Otto Hentz, einem 24jährigen Jesuiten, bei einem Abendessen vorgeschlagen, sich doch den Jesuiten anzuschließen. Was auf der katholischen, von Jesuiten gegründeten Georgetown University ja nichts ungewöhnliches gewesen wäre. Als Clinton lachend wissen wollte, ob er dann denn nicht erst einmal Katholik werden müsste, fiel Hentz aus allen Wolken. Es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, dass Clinton ein Southern Baptist sein könnte. Er habe, erzählte Hentz später, ihn einfach für einen Katholiken gehalten, weil Clinton "alle Eigenschaften eines Jesuiten besaß - er war ernsthaft, politisch und einfühlsam".

Clintons begann zu einer Zeit zu studieren, als selbst ehrwürdige und traditionelle Institutionen wie die Georgetown University vom Geist der Zeit erfasst wurden. Und dieser Geist hieß Umbruch und Aufbruch. Die Bürgerrechtsbewegung war auf ihrem Höhepunkt. In Vietnam wuchs sich die amerikanische Militärberatung zu einem von den USA geführten Krieg aus. Und in fortschrittlichen Universitäten wie etwa im kalifornischen Berkeley zeichnete sich ein kultureller Aufstand ab, der mit den Tabus der verknöcherten amerikanischen Nachkriegsgesellschaft brach.

Man kann nicht sagen, dass Clinton da mitten drin war. Zum einen war die konservative Georgetown University nun gerade kein Hort der Revolte. Zum anderen neigte Clinton schon damals nicht zum Extremen. Als in der Studentenvertretung beantragt wurde, studentische Mittel der Bürgerrechtsbewegung zur Verfügung zu stellen, da verhinderte er es. Nicht weil er gegen die Bürgerrechtsbewegung war, sondern weil er das konservative Argument für richtig hielt, dass man eine politische Bewegung nicht mit den von den Studenten zwangsweise erhobenen Mitteln unterstützen dürfe. Gewiss spielte bei Clinton auch die persönliche Erfahrung eines Menschen mit, der in einem Apartheidsstaat wie Arkansas aufgewachsen war und der wusste, wie tief die USA in dieser Frage gespalten waren. Schon damals, beschrieb das einer seiner Kommilitonen, habe Clinton immer versucht, die Stimmung im Lande zu begreifen und schon damals habe er versucht, möglichst nahe bei der Mitte der Gesellschaft zu sein.


 

Der Eindruck allerdings, dass Clinton zentrale politische Themen überwiegend oder gar ausschließlich unter pragmatischen Machtaspekten betrachtet, ist falsch. In der Bürgerrechtsfrage stand er eindeutig auf Seiten Martin Luther Kings, politisch und emotional. Bei Vietnam ging es ihm wie vielen Amerikanern: Anfangs folgten sie dem Argument der Regierung, dass dieser Krieg notwendig sei. Clinton sah das erst auch so, hegte aber bereits einen nagenden Zweifel. Die wurden verstärkt und schlugen in Kriegsgegnerschaft um, als er Mitte 1966 von dem aus Arkansas stammenden Senator William Fulbright als Bürohelfer eingestellt wurde. Fulbright, Clintons Vorbild seit Jahren, war der national wie international respektierte Vorsitzende des mächtigen außenpolitischen Ausschusses des Senates - und er war ein strikter Gegner des Vietnamkrieges. In einem berühmt gewordenen Brief hatte Fulbright den Präsidenten Johnson daran erinnert, dass "Griechenland, Rom, Spanien, England, Deutschland ihre jeweilige Vorherrschaft verloren haben, weil sie nicht mehr fähig waren, ihre Grenzen zu erkennen, oder anders gesagt, weil sie der Arroganz der Macht verfallen waren". Dieser Gedankengang findet sich in Clintons Außenpolitik wieder, die nach dem Prinzip funktioniert, sich jenseits der eigenen Interessensphäre nur dann einzumischen, wenn sich eine internationale Koalition findet.

Clinton war gegen den Vietnamkrieg, aber im Gegensatz zu dem Bild, das seine Gegner von ihm zeichnen, war er nie ein Radikaler. Wie sein Vorbild Fulbright setzte er letzlich auf die traditionellen Mittel der Politik. Gleichwohl wurde Clinton wie alle Männer seiner Generation in einen Gewissenskonflikt gestürzt: Sollten sie in den Krieg gehen oder sich der Wehrpflicht entziehen? Clinton, der wegen seiner herausragenden akademischen Leistungen eines der begehrten Rhodes-Stipendien im britischen Oxford bekommen hatte, löste dieses Problem wie rund 16 Millionen andere junge Amerikaner. Mit viel Tricksereien entzog er sich der Einberufung. Es ist immer wieder versucht worden, diese Drückebergerei gegen ihn ins Feld zu führen, aber ohne nennenswerten Erfolg. Denn die Mehrheit der Amerikaner hat genau das gemacht, was er auch gemacht hat und schämt sich ganz und gar nicht dafür.

Die zwei Studienjahre in Europa, inklusive ausgedehnter Reisen, die Deutschland und die Sowjetunion einschlossen, haben bei Clinton politische Spuren hinterlassen. Die von ihm und seiner Frau Hillary Rodham entwickelte Idee einer staatlichen Krankenversicherung in den USA ist eindeutig dem deutschen System entlehnt. Das aber ist in Clintons Biographie weniger wichtig als ein erstaunlicher Vorgang. Während die meisten seiner Studiengenossen ihre Heimat abstreiften und ganz und gar akademische oder politische Elite wurden, verlor Clinton nie seine Wurzeln. Er ließ nie einen Zweifel, dass er nach Arkansas zurückkehren würde. Und er tat es. Kaum hatte er seine Studien in Yale abgeschlossen, ging er als Assistenzprofessor nach Arkansas. Sehr zum Unverständnis seiner Freunde, denn Clinton hätte aus dem Stand heraus an der Ostküste, und das heißt Washington, ein glänzende Karriere machen können. Aber er wählte Arkansas und Hillary Rodham, seine spätere Frau, folgte ihm dorthin. Zur noch größeren Überraschung aller. Denn ihr standen möglicherweise noch bessere Karrieren offen. Aber die Clintons hatten sich in einem gefunden: Sie wollten Spuren in der Geschichte hinterlassen. Und Bill Clinton war überzeugt, dass nur der wirklich groß werden kann, der feste und tiefe Wurzeln hat.

So ist Clinton immer beides: Er ist Arkansas und Washington. Er ist der einfache Südstaatler und der Oxfordianer. Er beherrscht beide Welten und er ist in beiden authentisch. Für die Menschen und zwar nicht nur in Arkansas ist er so "Einer von uns" geblieben und nicht "einer von denen" geworden. Wenn einer die Mitte Amerikas gefunden hat, dann er. Aber er hat sie nicht nur gefunden, sondern er ist mit ihr verschmolzen.

Die politische Karriere Clintons nach seinem Studium ist längst Geschichte. 1974 scheitert er bei der Wahl zum Kongreß. 1975 kandidiert er erfolgreich als Generalsstaatsanwalt und Justizminister von Arkansas. 1978 wird er zum Gouverneur gewählt. 1981 wird er wieder abgewählt. 1983 wiederum Gouverneur, bis er 1992 zum Präsidenten der USA gewählt wird, um seine dritte und wohl letzte Reise nach Washington anzutreten.

Wenn man die Reihe der amerikanischen Präsidenten dieses Jahrhunderts Revue passieren lässt, dann hebt Clinton sich als einer der bedeutensten nach Franklin D.Roosevelt hervor. Unter Clinton hat das Land seine Haushalte saniert und sich zu unbestrittenen Führungsmacht der neuen Ökonomie entwickelt. Er hat die USA außenpolitisch auf die neue Weltunordnung eingestellt, soweit das überhaupt möglich ist. Den Amerikanern geht es seit langem nicht mehr so gut, wie unter seiner Herrschaft.

Der Junge aus den kleinen Verhältnissen in Arkansas, der zum mächtigsten Mann der Welt aufstieg und am Ende alle seiner Gegner politisch überlebte, ist natürlich zu allererst eine amerikanische Geschichte. Es ist die Wiederkehr des American Dream, wonach jeder eine Chance hat, wenn er sie nur beherzt ergreift. Clinton hat viele Chancen gehabt und er hat sie alle ergriffen. Aber es ist auch die Geschichte eines Mannes, der Maßstäbe dafür gesetzt hat, wie demokratische Politik in unseren Zeiten aussehen kann und aussehen sollte. Und es ist die Geschichte eines Mannes, die uns lehrt, wie einer in das mächtigste Amt aufsteigen kann, das unsere Welt zu vergeben hat, ohne zu vergessen, auf wessen Schultern er steht.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit



Martin Winter, geboren in Aachen, ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau. Er war für die FR von 1994 bis 1999 in den USA in Washington, DC und schreibt jetzt für die FR aus Brüssel.
 

Lesen Sie, was Michael Moore zu Clinton in seinem Buch 'Stupid White Men' schreibt!


Eingang · Michael Moore Clinton - Top

eMail © Martin Winter · Seite erstellt am 6.6.2000, letzte Änderung 17:03 6.3.2003, Donnerstag