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Borreliose-Diagnose - ein endloser Pannen-Skandal


Unzuverlässige Serologie der Zeckeninfektion und ärztliches Fehlwissen
schicken Patienten auf Ärzte-Odysseen

Von Ute Fischer

 
Ein Wanderer und ein Jogger treffen sich beim Orthopäden. Beiden schmerzt - ohne dass sie eine Unfall gehabt hätten - das Knie. Was der Doktor glaubt, erscheint den beiden Naturfreunden plausibel: Überlastungsknie. Fazit: Sport ist Mord. Also Schluss damit. Dass sie vielleicht Wochen und Monate früher einen Zeckenstich hatten, danach vorübergehend leichte grippeartige Symptome, Kopfschmerzen, Nackensteife oder Nachtschweiß, zählt zu den 'Indianersymptomen', die man eine Zeit lang erduldet, ohne zum Arzt zu gehen, weil man sie nicht zuordnen kann. So oder ähnlich beginnt der Teufelskreis einer Lyme-Borreliose, an der Patienten verzweifeln, von Arzt zu Arzt wandern, Ärzte um ihr Budget bibbern und Krankenkassen die Versicherung aufkündigen.
 
Lyme-Borreliose ist eine bakterielle Zeckeninfektion, gegen die es keinen Impstoff gibt. Borreliose ist trotz 60 000 bis 100 000 Infektionen pro Jahr in Deutschland keine gefährliche Erkrankung: hat man die Zecke gesehen und es bildete sich etwa eine Woche nach dem Stich eine Röte um die Stichstelle - was nur bei zirka der Hälfte aller Infektionen passiert - sind eigentlich alle Kriterien erfüllt, um nach einer antibiotischen Therapie die Sache als erledigt zu wissen.
 

 
Leider läuft aber vieles schief in der Borreliose-Diagnostik in Deutschland. Allein die 54 Borreliose-Selbsthilfegruppen, die jährlich rund 30 000 Hilferufe per Telefon erhalten, sprechen für die Dimension ärztlicher Unzulänglichkeiten.

Schwachpunkt Allgemein-Wissen

Das Übel beginnt mit dem so genannten Zeckenatlas (in der Apotheke erhältlich), der lediglich die FSME-Risikogebiete ausweist, die Naturherde der Frühsommer-Meningoenzephalytis. Der Volksglaube begreift diese rot markierten Gebiete als Zeckengebiete. Nicht rot markierte Regionen werden für zeckenfrei gehalten. Ein fataler Irrtum. Zecken mit Borrelien sind flächendeckend anzutreffen.
      Angst vor dem Wald ist allerdings überzogen. Viel häufiger stechen die Spinnentiere auf Wiesen zu, in Parks, im Freibad, auf Spielplätzen, im Garten. Sie lauern auf Grashalmen, Farnspitzen und Beerensträuchern und lassen sich abstreifen, von einem Hund, einer Katze, einem Reh, einem Menschen.
      Die wenigsten Menschen spüren den Stich, weil die Zecke zuvor eine Art Narkosemittel einspritzt. Wer die Zecke entdeckt und schnell entfernt, hat gute Karten. Doch nach mehrstündigem Saugen, manchmal erst nach Tagen erbricht die Zecke ihren Darminhalt in die Stichwunde und es kommt zur Übertragung von Borrelien - Bakterien, die sich die Zecke beim ersten Saugakt an einer Maus einverleibt hat.
 
Erscheint um die Stichstelle oder an anderem Körperteilen die Wanderröte (Erythema migrans), sollte das für einen erfahrenen Diagnostiker das Signal für eine antibiotische Therapie sein.
      Doch statt dessen wird häufig erst einmal ein Labortest gemacht. Fällt der negativ aus, sucht der Arzt in eine andere Richtung. Noch dramatischer wird es, wenn sich der Patient weder an eine Zecke erinnert noch sich eine Wanderröte ausbildete. Wenn es dann auch noch um Berufsunfähigkeit und Rente geht, driftet er mit ungeklärten Symptomen rasch ab in die Psycho-Schublade. In ihrer Not suchen Allgemeinärzte, Neurologen und Medizinischer Dienst des Rätsels Lösung oft in einer Psychosomatischen Klinik. Verweigert dies der Patient, unterstreicht er damit den Verdacht, seine Beschwerden seien hausgemacht.

Schwachpunkt Labor

Die in Deutschland übliche Stufendiagnostik beginnt mit dem ELISA-Test (Enzymimmunoassay), ein Suchtest nach Antikörpern der IgM-Klasse als erste Immunantwort des Körpers auf Eindringlinge. Weil der Körper aber etwa sechs Wochen zur Bildung von Antikörpern benötigt, muss jeder frühere Test negativ sein. Das wissen nicht alle Ärzte.
 
Es gibt keine Standards im Labor: Die derzeit rund 20 verschiedenen Tests von völlig unterschiedlicher Sensitivität und Spezifität schwanken in ihrer Treffsicherheit zwischen 30 und 80 Prozent. Als Quintessenz werden falsch-positive Patienten mit Antibiotika-Dosen über zwei bis vier Wochen maltretiert und falsch-negative trotz vorliegender Symptome ohne Therapie in ein chronisches, nur noch selten heilbares Stadium entlassen.
 
Statt die Symptome therapiebestimmend in die Diagnose einzubinden, klammern sich viele Ärzte an den ELISA. Dessen Qualität und Aussagefähigkeit unterliegt jedoch thermischen, stofflichen, technischen und menschlichen Störeinflüssen.
      Obwohl im Test sinnvoller Weise die drei wichtigsten Borreliosestämme als Antigene eingesetzt sein sollten, gibt es dafür keine Garantie. Die Berliner Ärztin Uta Everth berichtete im vergangenen Oktober auf der Herbsttagung des Borreliose Bundes Deutschland e.V. gar von einem falschen Borrelienstamm, der Jahre lang vertrieben wurde und womöglich heute noch im Einsatz ist.
      Außerdem kann die Reinigung der Antigene die Reaktivität beeinflussen. Schlecht gepflegte Antigene verlieren ihre Antigenität. Es wird mit unterschiedlichen Verdünnungen und Probemengen laboriert und unterschiedliche Adsorbenzien (Filtersubstanzen) eingesetzt, die Antikörper wegfangen können.
      Auch für die Reaktionszeiten gibt es keine Norm. Unter- und Überschreitungen (...ich geh mal schnell zur Toilette) verfälschen aber das Ergebnis.

Schwachpunkt Arzt

Fällt der Antikörper-Suchtest trotz eindeutiger klinischer Symptome negativ oder grenzwertig aus, schließen viele Mediziner eine Borreliose aus und stochern in Richtung Psychosomatik. Fällt der ELISA jedoch positiv aus, so wird oft trotz Fehlen von Borreliosesymptomen der teurere Bestätigungstest Westernblot beim Labor in Auftrag gegeben. Er stellt die Bindung von Antikörpern des Patientenblutes an für Borrelia burgdorferi charakteristische Proteine unterschiedlichen Molekulargewichts optisch in sogenannten Banden dar.
      Doch auch bei diesem Test darf man von keinem Standard ausgehen. Unterschiedliche Hersteller liefern Auswerthilfen mit unterschiedlichen Banden und unterschiedlichen Reaktionszeiten. Nicht jede Blot-Schablone enthält alle relevanten Banden. Bei manchen Tests muss sich das Labor selbst eine Auswertschablone basteln.
      Zudem minimieren die einschickenden Ärzte die Qualität der Blutanalyse dadurch, dass sie Patientenblut mal gerade mit dem Patientennamen kennzeichnen, aber nicht die Fragen des Labors auf dem Auftrag beantworten. Ohne Kenntnis des zeitlichen Krankheitshergangs und der Symptome kann ein Labor die Analyse nur sehr oberflächlich beurteilen. Es ist traurige Wahrheit, dass ein Borreliose-Kranker mit manifester Infektion über viele Jahre, sogar nach Anerkennung als Berufskrankheit durch eine besonders pingelige Berufsgenossenschaft plötzlich im Laborbericht attestiert bekam, er habe noch nie eine Borreliose erlitten.

 

Borreliose in Stichpunkten

Häufige Fehldiagnosen (weil nicht an Borreliose gedacht wurde)
Arthritis, Gelenkrheuma, Fibromyalgie, Schleimbeutelentzündung, Bandscheibenvorfall, HWS-Syndrom, Thrombose, Schlaganfall, Karpaltunnelsyndrom, Sehnenscheidenentzündung, Multiple Sklerose
 
Krankheitsverlauf
Mögliche Symptome im 1. Stadium:
Wanderröte, Allgemeinsymptome wie bei einem grippalen Infekt, Nachtschweiß, Nackensteife, Lymphozytome.
Symptome im 2. und 3. Stadium:
Gelenkentzündungen, Gehirnfunktionsstörungen, Entzündungen von Haut und Auge, Erschöpfung, Schmerzen in Kopf, Muskeln und Wirbelsäule, Lähmungen, Persönlichkeitsveränderungen, Herzrhythmusstörungen, Depression und anderes.

Informationen, Selbsthilfegruppen, Internet-Forum:
Borreliose Bund Deutschland e.V., Große Straße 205, 21075 Hamburg, Tel. 040-7905788, Fax 040-7924249.
 
Literatur:
Borreliose, Zeckeninfektion mit Tarnkappe, Fischer/Siegmund, Hirzel-Verlag, 2003, 160 Seiten, ISBN 3-7776-1233-2, 14,80 EUR.

Zecken richtig entfernen

Finger weg von Öl und Klebstoff. Unter Stress erbricht sich die Zecke in die Stichstelle. Zeckenzangen und Finger sind zu grobe Werkzeuge und eher geeignet, den Zeckeninhalt in die Wunde zu pressen. Statt dessen
  • mit feiner Pinzette unter den Kopf fassen und herausziehen
  • mit dem Taschenmesser heraushebeln
  • mit der Zeckenkarte (Scheckkartenformat) herausrütteln
  • mit einem Kronkorken herausschaben
  • mit einer Fadenschlinge (z.B. Zahnseide) herausrütteln
  • mit einem Nassrasierer abrasieren
Merke: Ein stecken gebliebener Kopf birgt keine Gefahr, eitert raus oder kann vom Arzt entfernt werden. Die Frage nach rechts oder links herum ist überflüssig. Zecken haben kein Gewinde sondern einen Stechapparat in der Art eines Dübels.

 
Dieser Artikel wurde mir von Ute Fischer (Pressesprecherin des Borreliose Bundes Deutschland e.V.) zur Verfügung gestellt und entspricht dem Originalbeitrag, der an die Frankfurter Rundschau gesandt wurde. Er wurde am 3. Mai 2005 im FR-Wissenschaftsmagazin veröffentlicht.
 
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eMail © Ute Fischer · Seite erstellt am 3.5.2005, letzte Änderung 08:43 6.12.2011, Dienstag