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Ist der Schlips schon Kommunikation?

Können einfache Streifen eine solche Bedeutung haben, dass Politker sie gezielt einsetzen? Ab heute, 23.2.2005, Dienstag, wo der Besuch des Herrn Bush ganz Mainz stilllegt, glaube ich - JA!
 

Ausgangspunkt

war für mich die banale Frage: 'Krawatte: wo kommst du her?'
Die Frage fragte der WDR5 am 6.8.2001 - wenn US-Amerikaner gestreifte Krawatten tragen, dann solche, deren Streifen vom Betrachter aus gesehen von links oben nach rechts unten verlaufen (zum Merken: Backslash \ ), während es bei bei europäischen Bindern meist anders herum ist: (slash / , siemensisch auch 'Schräger' genannt.)
      Italiener tragen mit Vorliebe gepunktete Krawatten, wobei die Punkte auch kleine Quadrate oder Rauten sein können, seltener runde Punkte. Sie halten sich also aus dem 'Kontinentalstreit' eher raus?
      Das Thema ist sonst nur für ein journalistisches Sommerloch gut, doch nach aufmerksamem Beobachten der folgenden Pressebilder wird aber auch der unvoreingenommenste Beobachter zu dem Schluss kommen, dass an der Streifenrichtung was 'dran' ist. Folgen Sie dem selektivem Blick eines, der Krawatten ablehnt:
 
Tauwetter: Bush in Brüssel am 22.2.2004
 
Bush in Brüssel am 22.2.2004 - Kommentar der Frankfurter Rundschau:
'... Doch wenn Bush über die Zerwürfnisse zwischen den USA und führenden europäischen Ländern mit der Bemerkung hinweggeht, dass es keine amerikanische oder europäische Strategie gebe, sondern nur eine der Freiheit, zeigt er, wie wenig er begriffen hat. Das dürfte Befürchtungen in der Führung der EU befördern, dass Washington unter der 'einen Stimme', mit der Amerika und Europa nach Bushs Willen wieder sprechen sollen, die amerikanische versteht.
      Bush ist mit leeren Händen nach Europa gekommen. Was er will, ist nicht zu übersehen. In Irak schmerzhaft schnell an seine Grenzen geraten, sucht er wieder die Nähe von Partnern, denen er einen Teil der Lasten aufbürden kann.
      Etwas dafür zu geben scheint er nicht bereit zu sein. Dabei verkennt er, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Europäer sich einfach beugen.'
MARTIN WINTER
 

 
Wahlkampfposen
 
Kanzler-Kandidaten drängeln - ?.?.2004, Frankfurter Rundschau
Mit seinem unnachahmlichen Charme macht Herrn Stoiber allen gleich klar: 'I am an American'. Frau Angela hatte das bei Ihrem USA-Besuch zu Beginn des Irak-Krieges nicht so wortlos rübergebracht... aber Ihre Einstellung wurde in Deutschland überall verstanden.
 

 
Bush mach harten Kerl Kerik zum Minister
 
Aufsteiger-Typ sorgt für Schutz der USA - 4. Dez.2004, Frankfurter Rundschau
Bei der (etwas unglücklichen) Einführung eines ehemaligen Cops als neuer Heimatschutzminister gibt es klare Bilder. Die Botschaft ist eindeutig: da geht's lang - wir machen das - ich häng mich dran...
 

 
Handel und Tourismus
 
Arnold Schwarzenegger in Japan - 13.Nov.2004, Frankfurter Rundschau
Der künftige Präsident der USA ab 2008, weil er nach dem Öl-Endeschock 2006 Kalifoniens Spar-Erfolge vorweisen kann. Er verhehlt seine Herkunft nicht: er zeigt mit den /-Streifen Flagge für Europa, kommt er doch aus dem Herzen Europas: Österreich. Das lässt hoffen... Die semiotisch geschulten Japaner haben das ganz sicher verstanden.
 

 
Schöder in Tripolis
 
Schöder bei seinem Besuch in Tripolis - 16.Okt.2004, Frankfurter Rundschau:
'...jetzt, da die erste Rate der 'La Belle-Entschädigung' geflossen ist, sieht Schröder den besten Zeitpunkt, sich in den internationalen Wettlauf einzuklinken.'
      Was will er Ghadafi mit dem USA-Schlips zeigen? 'Wir haben mächtige Freunde?' Die La Belle-Verbindung USA-Deutschland unterstreichen? - Zufall war eben dieser Schlips sicher nicht...
 

 
1978 beim Intern, Arbeitsamt Genf
 
Aus der privaten Sammlung ein Bild meines Vaters (2.v.l) 1978 bei einer Tagung des Internationlen Arbeitsamts in Genf. Er war gerade in den USA und hatte sich dort einen neuen Schlips gekauft...
 


Damit stopfte dpa das Sommerloch 2004:

Farbe streift die Uniform des Mannes quer

Wer eine Krawatte trägt, gibt seiner Brust in Deutschland gern einen Aufwärtstrend / In den USA gilt als Muster-Richtung: bergab
VON N. WEISENSEE (FRANKFURT/ M./DPA)
Wer die Schlipse deutscher Prominenter ansieht, merkt es schnell: Streifen sind "in". Kanzler Schröder mag's rot-weiß, DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder schon mal rot-grün, Moderator Günther Jauch lässt sich beim passenden Anlass in blau-gold sehen. Das Deutsche Krawatteninstitut schätzt den Anteil der Streifkrawatten auf mittlerweile 80 Prozent, das traditionsreiche Modehaus Windsor bietet gepunktete Schlipse diese Saison gar nicht erst an.
      Doch Streifen sind nicht gleich Streifen: Von links unten nach rechts oben (für den Betrachter) zeigt das schräge Krawattenmuster in Deutschland - wie Börsenkurse beim ersehnten Aufschwung. In den USA genau andersherum: Der Wirtschaft geht's recht gut, die Krawattenstreifen zeigen traditionell abwärts. Wie aus dem Stoffschal ein bunt-gestreiftes Massenphänomen wurde, erklärt der Kölner Krawattenfachmann und Modeberater Bernhard Roetzel: "Das europäische Krawattendesign stammt von den englischen Regimentskrawatten. Ende des 19. Jahrhunderts begann die britische Armee, Krawatten in den Farben des jeweiligen Regiments zu tragen", sagt Roetzel, "Sportvereine verwendeten ihre Clubfarben." Dank der britischen Woll- und Seidenkolonien in Australien und Indien wurde das Königreich zur Modemetropole.
      Für Querstreifen entschieden sich die britischen Schlipsproduzenten nur aus technischen Gründen, sagt Roetzel. "Irgendwann hat jemand entdeckt, dass Krawatten besser in Form bleiben, wenn der Stoff quer zur Webrichtung geschnitten wird." Weil die Farben damals grundsätzlich eingenäht statt aufgedruckt wurden, waren die Querstreifen in Webrichtung die einfachste Lösung. Bernhard Roetzel: "Die Art des Musters spielte da keine sehr große Rolle - man wollte einfach verschiedene Farben unterbringen."

Amerikaner andersrum

Der Rest Europas trug, was aus England angeboten wurde. Inzwischen werden allein in Deutschland jedes Jahr mehr als zehn Millionen Schlipse verkauft, und noch immer gelten das Magenta-Blau des britischen Garderegiments und das Schwarz-Blau der Royal Navy als Klassiker - auch in den Vereinigten Staaten. Doch egal ob College-, Vereins- oder Designerkrawatte: Fast immer zeigen die verquerten Streifen jenseits des Atlantiks nach rechts unten. "Die Legende sagt, dass bei den Amerikanern mal jemand beim Zuschneiden den Stoff falsch herum gelegt hat", sagt Roetzel. "Aber so richtig weiß das eigentlich keiner." Querstreifen hoch, Querstreifen runter: Der Unterschied ist gering.
      Da macht es schon mehr aus, ob kariert, punktiert oder einfarbig, ob grelle, gedeckte oder bunte Farben getragen werden. Schließlich sei die Krawatte heute die "Uniform des Mannes" und als "rudimentärer Restschmuck" ein wichtiges Symbol, wie Soziologie-Professor Roland Eckert von der Universität Trier sagt. Mit dem richtigen Schlips könne der Mann seine Funktionsfähigkeit in der Gesellschaft zeigen. Besonders Banker betonten mit zurückhaltenden Standard-Designs ihre Korrektheit, sagt der Soziologe.
      Die Krawatte kann auch andere Signale senden: "Je verspielter die Motive, je expressiver die Muster, desto ausdrucksstärker die Persönlichkeit", glaubt Gerd Müller-Thomkins vom Krawatteninstitut. Doch Vorsicht: Selbst in der Ära der Vielfarbigkeit kann ein greller Schlips nicht nur eine starke Persönlichkeit anzeigen, sondern auch modische Inkompetenz - sogar wenn die Streifen in die richtige Richtung zeigen.
 
aus: Frankfurter Rundschau, 26.08.2004
 
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eMail © Dietrich Beitzke · Seite erstellt am 22.2.2005, letzte Änderung 11:06 17.4.2005, Sonntag