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Das deutsche Ladenschlussgesetz

Zum Totlachen, wenn's den Gerichten, Politikern, Gewerkschafts- und Kirchenmanagern nicht todernst wäre!

Inhalt

  1. So sehen uns unsere Nachbarn
  2. Andere Meinungen
  3. Mehr aufregende Links: Sonntage


 

So sehen uns unsere Nachbarn


Danke an die Frankfurter Rundschau!
vom 27.8.99

25 Jahre Kampf der bornierten Köpfe
Besser kann man es einfach nicht selber schreiben.
Mit Genehmigung vom Chef von Dienst: Christian M. Schöne am 31.8.99

Geregelte Freiheit oder genussvolle Anarchie

Das deutsche Drama um den Ladenschluss ist auch ein Kulturkampf zwischen Ost und West

Von Paolo F. Valentino (Gastbeitrag)

Ich stamme aus einer kleinen, sizilianischen Stadt, einem Badeort, der bekannt ist für sein griechisches Amphitheater. In Taormina, so heißt der Ort, sind die Geschäfte an allen Tagen geöffnet. Auch am Sonntag, aber nur nachmittags, damit die Leute vormittags in die Messe gehen können. Möglich ist dies dank eines italienischen Gesetzes, das längere und flexiblere Öffnungszeiten für touristische Zentren erlaubt. Auch deutsche Touristen gibt es da unten, sie kommen während des ganzen Jahres, selbst im Winter. Ich kann mich nicht entsinnen, sie in irgendeiner Weise aufgebracht gegen die Tatsache erlebt zu haben, dass sie die ganze Woche, selbst bis spät in den Abend hinein, Einkäufe erledigen konnten. Sie schienen mir sogar sehr zufrieden.
      Ich möchte nicht behaupten, dass dieses Konzept der italienischen Tourismuszentren für alle ein Modell sein sollte. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Konsumenten mehr Service zu bieten und den Handel an die Erfordernisse der Wirtschaft und des modernen Lebens anzupassen. Ich kann mich in Italien jedoch an kein einziges nationales Drama erinnern, das ausgebrochen wäre, als über die Verlängerung der Öffnungszeiten des Handels diskutiert wurde. In Deutschland, das habe ich mit Überraschung feststellen müssen, wird seit 25 Jahren diskutiert.
      Ich bin 1995 nach Berlin gekommen und muß gestehen, dass ich bis heute nicht verstehe, wo das Problem liegt. Mir scheint, alle sind für die Liberalisierung der Öffnungszeiten - unter der Bedingung, dass es die anderen sind, welche die Läden öffnen. Die Verkäuferin im KaDeWe bittet mich eine Minute vor 20 Uhr, das Spielzeug, das ich für meinen Sohn kaufen wollte, wieder an seinen Platz zu stellen. Wahrscheinlich will sie selbst noch schnell ein paar Einkäufe beim Lebensmittelhändler an der Ecke machen. Und der kleine Obsthändler seinerseits, der zu diesem selben Zeitpunkt noch alle Waren auf der Straße hat, aber mir keine Tomaten mehr verkaufen will ("Feierabend" ruft er, so als läute er eine unsichtbare Glocke), auch dieser Obsthändler würde am liebsten selbst noch eine Einkaufsrunde im KaDeWe drehen.
      Dass es ein Problem gibt und sich die deutschen Konsumenten längere Öffnungszeiten wirklich wünschen, beweisen die Tankstellen und die Bahnhöfe. Es sind Ausnahmen, die jedoch die Antwort auf die extrem starke Nachfrage der Konsumenten sind. Am Anfang habe ich eine Weile gebraucht, das zu verstehen. "Kannst Du mir Milch leihen für das Kind", fragte ich einen italienischen Freund am Telefon, einen Sonntag während der allerersten Tage meines deutschen Lebens. "Nein, aber fahr zur Tankstelle oder zum Bahnhof Zoo", riet mir dieser. Ich müsse weder tanken noch wolle ich Zugfahren, antwortete ich. Und er sagte: "Geh einfach hin."
      Die deutsche Verfassung sieht vor, den Sonntag der "Ruhe" und der "seelischen Erhebung" zu widmen. Wenn ich es richtig verstehe, geht dieser Artikel auf die Weimarer Verfassung zurück. Aber 1919 waren Deutschland und die Welt nicht das, was sie heute sind. Frage: Haben diejenigen, die für Shell oder Aral arbeiten kein Recht auf "den Tag des Herrn"? Oder werden sie, weil sie ihre Seele nicht im Namen einer öffentlichen Dienstleistung erheben dürfen, in der Hölle enden? Damit will ich nur verdeutlichen, wie übertrieben und auch ein wenig heuchlerisch mir die Position der Kirche vorkommt, derzufolge die Vorreiter der Liberalisierung "um das goldene Kalb herum tanzen". Wenn die Bischöfe konsequent wären, müßten sie dieselben Öffnungszeiten für Tankstellen und Bahnhöfe fordern.
      Die Schlacht, die gerade geführt wird, ist mit Sicherheit auch ein Kulturkampf. Die bequemen und faulen Sicherheiten des Westens gegen den Überdruss des Ostens. Die Freiheit voller Regeln derer, die sie immer genossen haben, und jene etwas anarchische Freiheit derer, die unter dem Totalitarismus gelebt haben (auch wenn sie bis 22 Uhr einkaufen konnten). Vielleicht sollte man sich auch in diesem Fall um mehr Verständnis bemühen und einen Schritt aufeinander zugehen. Ein bisschen sollte das auch für das Sommer-Bad in der Ostsee gelten, das Einheimische gern nackt nehmen, worüber sich Touristen aus dem Westen aufregen.
      Eine Voraussage: Was die Ladenöffnungszeiten angeht, wird in Deutschland bald eine andere Mauer einstürzen. Der Beweis? Wie beim letzten Mal kommt auch diesmal der erste Schlag aus Leipzig.

Paolo F. Valentino ist Korrespondent des Corriere de la Serra in Berlin.
Übersetzung: Martina Meister.

Copyright © Frankfurter Rundschau 1999
Dokument erstellt am 26.08.1999 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 27.08.1999
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Andere Meinungen

Leserbrief von D. Beitzke an die FR am 21.5.99

Es reicht!

Wenn alle die Männer, die die Ladenschlußzeiten entscheiden oder entschieden haben, jemals selber arbeiten, einkaufen und Essen machen müßten, gäbe es diese leidige Diskussion seit 50 Jahren nicht mehr.
      In der FR hat es 'ski' es sehr schön auf den Punkt gebracht, wie das Ladenschlußgesetz von allen Seiten als Bevormundungsinstrument des Wahlbürgers benutzt wird. Die Tankstellen lachen sich ins in Fäustchen, der Mittelstand ärgert sich schwarz, unsere Nachbarn nehmen uns nicht ernst.

Wie lange wollen wir uns das eigentlich noch gefallen lassen?

Es drängt sich der Eindruck auf, als sei die Änderung des Ladenschlußgesetzes ein Test, wie weit Politik, Gewerkschaften und Verwaltung mit uns gehen könnten. Den regelungswütigen Vorkämpfern obrigkeitlicher Einschränkungen seien hier noch ein paar Tips an die Hand gegeben:
  1. ein Abwasserschlußgesetz (bitte nur von 8-18h aufs Klo)
  2. ein Telefonschlußgesetz (der Abend ist für die Familie)
  3. ein Tankstellenschlußgesetz (viel besser als ein Lärmschutzgesetz)....
Die Gängelungsmöglichkeiten sind unendlich, denn immer wieder vergessen unsere "Vertreter", daß sich eine gute Demokratie dadurch auszeichnet, wie wenig in das freie Spiel der Kräfte eingegriffen werden muß.


 

Kommentar in der Frankfurter Rundschau am 22.5.96 ski

Verkrustet

Es reicht. Das 8 jahrelange Gezacker im deutschen Ladenschluß - die wievielte Anhörung dazu war das gestern eigentlich? -es ist nicht mehr zu ertragen. Die Öffnungszeiten sind das Paradebeispiel für die verkrusteten Strukturen dieser Gesellschaft,
....
Die Bevormundung geht zu weit, wenn Gewerkschaften entscheiden, ob die Verbraucher - das sind auch ihre vielen Millionen Mitglieder - zu später Stunde einkaufen oder sonntags frische Brötchen essen dürfen. Statt die Verweigerungshaltung fortzusetzen, sollten die Arbeitnehmerorganisationen lieber vernünftige Bedingungen für die Beschäftigten aushandeln - und für jene, die es bei etwas mehr Flexibilität gerne werden wollen.


 

Frankfurter Rundschau am 3.5.96
(Roman Arens)

Das Chaos beim Ladenschluss in Italien ist ein Stück Lebensqualität und ein Rezept gegen die Verödung der Innenstädte

...
Aus deutscher Perspektive das reinste Chaos: Praxis und Recht des Ladenschlusses in Italien sind eine schwer nachvollziehbare Mixtur aus souveränem und willkürlichem Handeln einerseits und einer Reihe von strengen und ebenso von großgigsten Regeln andererseits.
...
Nicht wenige Läden und Supermärkte sind auch am Sonntag geöffnet. Vorreiter dieser Entwicklung waren Bekleidungsgeschäfte in touristischen Zentren und Großstädten, wo inzwischen auch vielfach auf die traditionelle Mittagspause verzichtet wird; Die Praxis des Ladenschlusses hat mitholfen, der Verödung der Innenstädte vorzubeugen. Es steckt ein Stück Lebensqualität im Chaos der Regelungen und ihrer großzügigen Auslegung. Oder freut sich nicht auch ein Tourist, wenn er sein liegengebliebenes Auto außerhalb der zu Hause gewohnten Zeiten ohne Anstände wieder flottgemacht bekommt?


 

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Mehr aufregende Links: Sonntage

Damit findet jeder das Passende in seiner Nähe
  1. Marko Longoni betreibt eine Website, die monatlich die Städte mit den verkaufsoffenen Sonntagen listet.
  2. Peter von der Heyden bietet das mit einer Städtesuche an.
  3. Die Hedo GmbH hat eine eigene Website, die verkaufsoffene Sonntage listet.
  4. Open Mall hat die nächsten verkaufsoffenen Sonntage auf seiner Website.

Wer den aktuellen Diskussionsstand im Netz erleben möchte, kann mit Google oder Metager lossurfen.

 
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eMail © Dietrich Beitzke · Seite erstellt am 30.8.1999, letzte Änderung 11:19 15.1.2003, Mittwoch