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Der eigene Tod als ErlösungAttentäter sehen sich nicht als Bestien, sondern fühlen sich im Einklang mit ihrem Gewissen und den ideologischen WertenVon Micha Hilgers
Welch kranke Hirne denken sich Anschläge wie auf das World Trade Center aus? Und: Sind das noch Menschen, die solche Pläne kaltblütig ausführen? So oder ähnlich lauten in diesen Tagen Fragen nach den Hintergründen und Motiven der Täter. Die Art der Fragen liefert jedoch Antworten, die möglichst große Distanz gegenüber jenen schafft, die US-Präsident George W. Bush für die Inkarnation des Bösen hält. Entmenschlichung der Terroristen bringt zwar kurzfristige Erleichterung für die ohnmächtigen Zeitzeugen, langfristig aber keinerlei Klarheit, geschweige denn Strategien gegenüber dem Phänomen Terror.
Die Ehre der Kamikaze-PilotenKamikaze-Piloten des Tenno-Reichs galten als mit besonderer Ehre ausgezeichnet, und selbst eine Ideologie ohne Jenseits-Vorstellungen wie der Nationalsozialismus idealisierte die im Kampf für Reich und Sache Gefallenen. Der eigene Tod kann also durchaus als notwendiger Preis für die Ehre in Kauf genommen werden.Allen Idealisierungen eigenen Todes gemeinsam ist die Verabsolutierung bestimmter Werte, die Teil des persönlichen Gewissens und der eigenen Gruppe sind. Der Tod erscheint als besondere Ehre, weshalb palästinensische Attentatskandidaten gelegentlich miteinander wetteifern, wem die Auszeichnung des Selbstopfers als Erstem zuteil werden darf. Auch hier spielt die Vorstellung vom "Leben nach dem Tod" eine wichtige Rolle: Wenigstens die Fantasie, als Held zu Lebzeiten und darüber hinaus auch in der Erinnerung anderer zu gelten, kann zu rücksichtslosen und brutalen Taten motivieren. Die Rücksichtslosigkeit, die uns als gewissenlos erscheint, betrifft allerdings nicht die eigene Ideologie und deren Anhänger. Ist das Erreichen eines absoluten Zieles, das im völligen Einklang mit den Werten und Urteilen des Gewissens steht, nicht nur die höchste Erfüllung des eigenen Daseins, sondern zugleich auch in der Gruppe hoch geachtet, zu der man sich zugehörig und von deren Urteilen man sich anhängig fühlt, kann also die Auslöschung fremden und eigenen Lebens durchaus als Lebensziel erscheinen. Entscheidend ist, dass in solchen Fällen terroristische Taten nicht etwa gewissenlose Akte einer unmenschlichen Bestie sind, sondern gegenteilig Handlungen eines Menschen, der sich im Einklang mit seinen höchsten Werten fühlt. Diese Übereinstimmung mit allerhöchsten Werten macht es überhaupt erst möglich, mit grenzenloser Gewalt gegen sich und andere vorzugehen. Die Belohnung für den sich selbst und andere opfernden Täter ist das Heldentum und der Triumph über einen wie im Falle der USA bisher als unbesiegbar erscheinenden Gegner. Erleichternd für die Motivation der Täter ist die Heilsversprechung eines paradiesischen Zustandes nach der Tat und dem eigenen Tod, sowie umgekehrt die Entmenschlichung des zu vernichtenden Gegners. Ungewollt ähneln sich daher in geradezu fataler Weise Opfer wie Täter, wenn sie beim jeweils anderen das inhumane Böse verorten, das sie nachfolgend subjektiv berechtigt, maßlos gegen ihren Feind vorzugehen. Jede langfristig und auf Vernunft fußende Strategie gegen Terror wird daher versuchen, die menschliche Motivation für Tat und Täter zu ergründen und ihre Quellen auszutrocknen. Denn die blanke Bekämpfung terroristischer Gruppen mit militärischen Mitteln läuft Gefahr, durch die Vernichtung eines Osama bin Laden zehn neue zu schaffen. Voraussetzung für die Fanatisierung der Gewissensinstanz ist der subjektive Eindruck schreienden Unrechts, der eigenen Ohnmacht von Selbst und Gruppe gegen diese Ungerechtigkeit und das daraus entstehende Ressentiment, das erst die rechtfertigende Grundlage für den Terror schafft. Mithin gründet Terror zunächst in einem Gefühl hilflosen Ausgeliefertseins gegenüber bösen Mächten, dem man mittels Ausübung von entgrenzter Gewalt zu entkommen trachtet. Es ist daher charakteristisch, dass die ursprünglich auf Seiten der Terroristen empfundene Ohnmacht an ihre späteren Opfer und Ziele weitergereicht wird. Tatsächlich bringen dies Amerikaner wie westliche Verbündete in ihren Statements unisono zum Ausdruck. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis, durch massive Gegenschläge der Ohnmacht zu entkommen und selbst wieder das Heft in die Hand zu bekommen. Die Ohnmacht würde solchermaßen wieder an die terroristischen Täter und ihr sympathisierendes Umfeld zurückgegeben. Für die militärisch wie wirtschaftlich mächtigen Angegriffenen entsteht daraus ein Dilemma: Ein Ausbleiben einer massiven eingrenzenden Reaktion bestärkt die Täter in ihrem Eindruck, durch heldenhafte Taten könne das Selbstwertgefühl von Tätern und Gruppe buchstäblich mit einem Schlag aufgewertet werden. Dem gegenüber verstärkt ein vernichtender Gegenschlag das Gefühl eigener Ohnmacht und Wertlosigkeit auf Seiten der Terroristen und ihres Umfeldes, was wiederum zu weiteren verzweifelten Taten Anlass gibt. Nicht umsonst hatten sich die Täter ja nicht nur die mächtigste Nation der Welt als Ziel ihrer Attacken auserkoren, sondern auf die Symbole dieser verhassten Macht gezielt, um auf diese Weise eine massive Demütigung herbeizuführen. Fanatisierte TäterDie fanatisierten Täter erleben ihre Sache als gerecht, weil sie in ihrer Heimat schreiendes Unrecht erlebten, zumeist selbst massive Gewalterfahrungen machten und die alleinige Ursache in einem mächtigen bösen Feind ausmachen. Aus diesem Grund lässt sich Terrorismus nur durch eine Doppelstrategie bekämpfen:Entschlossenes und dabei maßvolles Vorgehen gegen die Täter und ihre unterstützenden Strukturen einerseits, sowie gerechte Lösungen für die Entstehungsherde der Gewalt. Andernfalls werden aus dem abgeschlagenen Kopf der Hydra Terrorismus immer wieder neue erwachsen. Was tun ?Für die Verhinderung weiterer Taten muss untersucht werden, inwieweit die so genannten Sleeper, also jene Täter, die über Jahre ein unauffälliges Dasein in Deutschland oder anderen Ländern führten, weitgehend ohne Kontakt zu einem unterstützenden Umfeld lebten. Besonders bedrohlich wäre der Befund, dass der islamistische Fundamentalismus ohne dauernde weitere Indoktrination im Wertesystem der Täter wirksam bliebe und es keiner größeren Sympathisantengruppe bedurfte, um die Täter zum jetzigen Zeitpunkt zu aktivieren. Umgekehrt würden große Handlungsmöglichkeiten entstehen, wenn sich herausstellte, dass die Terroristen dauernder Indoktrination unterlagen und ohne diese die Motivation für ihre Taten nicht ausreichend gewesen wäre.Täter, die weitgehend autonom und fernab ihrer Bezugsgruppen existieren und dabei ihre terroristische Motivation aufrechterhalten, benötigen eine sehr starke, in sich geschlossene Persönlichkeitsstruktur. Dies mag zwar im Einzelfall so sein, in der Mehrzahl werden die Täter jedoch immer wieder eine Bestätigung ihrer Ideologie des heldenhaften Todes durch sympathisierende Bezugsgruppen benötigen, um ihre Entschlossenheit aufrechtzuerhalten. Realistischerweise wird man der Sleeper selten habhaft werden können. Demgegenüber könnte entschlossenes Vorgehen der Behörden gegen fundamentalistische Kreise potenziellen Tätern ihre motivierende Unterstützung entziehen.
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